Ein System geht am Stock

SPD-Arbeitskreis Soziales tauscht sich zum Thema Pflege mit Mitarbeitern des Paritätischen Vereins Heidekreis aus

Ausgetauscht: Die Mitglieder des Arbeitskreises Soziales der SPD-Landtagsfraktion um den Vorsitzenden Uwe Schwarz (4. von rechts) informierten sich beim Paritätischen Verein Heidekreis um Geschäftsführerin Dagmar Kosinski (4. von links) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Nicola Schorn (2. von links). mey
Ausgetauscht: Die Mitglieder des Arbeitskreises Soziales der SPD-Landtagsfraktion um den Vorsitzenden Uwe Schwarz (4. von rechts) informierten sich beim Paritätischen Verein Heidekreis um Geschäftsführerin Dagmar Kosinski (4. von links) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Nicola Schorn (2. von links). mey

SCHWARMSTEDT. Pflegenotstand, Fachkräftemangel, fehlende Anerkennung: Um die Pflege in Deutschland steht es aktuell schlecht. Ein Austausch auf Augenhöhe über drängende Probleme war in diesen Tagen das Ziel des Arbeitskreises Soziales der SPD-Landtagsfraktion beim Paritätischen Verein Heidekreis um Geschäftsführerin Dagmar Kosinski in Schwarmstedt. 

Die Liste der angesprochenen Themen war lang: Sie reichte von Ansätzen zur Abhilfe beim Fachkräftemangel über Aufstiegschancen und Bezahlung bis zu Würde und Weiterbildung. 

Kosinski zeigte sich erfreut, „dass wir Ohren bei Ihnen finden“, denn es gebe vieles zu erörtern. Seitdem der Paritätische Verein vor 49 Jahren gegründet wurde, um die Kindergarten-Versorgung auf dem Land sicherzustellen, habe sich vieles verändert – und sicher nicht zum Positiven. Im Idealfall, so die Geschäftsführerin, solle die Lebenssituation von Menschen mit Hilfebedarf durch Pflegemöglichkeiten so gestaltet werden, dass sie „lebenswert“ ist. Ohne Pflegekräften entsprechende Kompetenzen an die Hand zu geben, sei dieses Idealmodell aber praktisch nicht erreichbar. Ambulante Pflegekräfte müssten darin bestärkt werden, vor Ort alleine die richtigen Entscheidungen zu treffen – dazu bräuchten sie Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit mit zu Pflegenden und deren Angehörigen, besondere Kenntnisse im Bereich Demenz und eine Möglichkeit zur Reflexion. Da all dies in der Ausbildung bislang nur eine untergeordnete Rolle spiele, habe der Paritätische Verein mithilfe seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Nicola Schorn eigene Projekte entwickelt, um Mitarbeiter „fit“ zu machen. 

Uwe Schwarz, Vorsitzender des SPD-Arbeitskreises Soziales, zeigte sich überrascht, dass das Thema Pflege im Bundestagswahlkampf nur eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Für die Landtagswahl und die Zeit danach „haben wir dieses Thema richtig auf die Agenda genommen“. Allerdings gelte es ein „Grundsatzproblem“ zu lösen: angemessene Wertschätzung, verbunden mit guter Bezahlung für Pflegekräfte. 

Kosinski konkretisierte: „Es gibt ein Armdrücken auf Landesebene zwischen Wohlfahrtsverbänden, Privaten und den relativ geeinten Kassen.“ Zudem zahlten viele Pflegeanbieter nicht nach Tarif. In diesem „Dschungel“ zu einer Vereinheitlichung zu gelangen, sei bislang nicht möglich gewesen. Auch Schwarz gab zu, dass eine Klärung der Tariffrage über eine Generalisierung derzeit vor allem auf dem Prinzip Hoffnung fuße: „Ich bin ein wenig ratlos, obwohl gute Ansätze da sind.“ Klar sei nur, dass die Leidtragenden vor allem Pflegebedürftige und Leistungsanbieter seien. 

Probleme mit Auszubildenden habe es beim Paritätischen Verein in den vergangenen zehn Jahren kaum gegeben, versicherte Kosinski. Fast niemand habe vorzeitig abgebrochen, allerdings komme es immer wieder vor, dass Azubis ein Jahr wiederholen. Schwierigkeiten beim Erreichen der Fachkraftquote hätten die Paritäten aufgrund der Anrechnung der Auszubildenden nicht, allerdings fehlten bislang Eckpunkte im ambulanten und teilstationären Bereich. „Wir sehen es als nicht menschenfreundlich an, wenn erst die Spritzen- und dann die Waschfrau kommt“, sagte sie. Dr. Schorn erläuterte, dass die Pflegefachkraft Klienten beispielsweise Kompressionsstrümpfe anziehen dürfe, nicht aber ein Pflegehelfer. „Aber muss es die Pflegefachkraft sein, die die Strümpfe wieder auszieht?“, fragte sie rhetorisch. 

Kosinski übte Kritik am Status quo der Vergütung. Wenn ein (eng getaktetes) Pflegeintervall um, der Klient aber noch nicht gewaschen sei, komme schnell Druck von Angehörigen. Sie müssten schließlich für die Pflege zahlen, weil sie eine „Teilkaskoversicherung“ sei. Schwarz ergänzte, dass angesichts des Zeitmangels die Beziehung zwischen Pfleger und Klient auf der Strecke bleibe, „dabei sind Pflegekräfte oft der einzige zwischenmenschliche Kontakt für die zu Pflegenden“. 

Der „Pflegenotstand“ sei in Deutschland längst angekommen, sagte Schwarz, 30.000 Pflegekräfte fehlten Jahr für Jahr, „und die Zahl wird sich auf 50.000 erhöhen“. Einen möglichen Ausweg sieht Kosinski in einer „Modularisierung“ der Pflege. In jenem Modell könnten Auszubildenden eigene Pflegezeiten – nach der Geburt des Kindes, Pflege der Eltern und Großeltern – anerkannt und so die Lehrzeit verkürzt werden. Auch Ausbildung in Teilzeit müsse weiter gestärkt werden, „die Berufsbildenden Schulen Walsrode sind da sehr offen“. Und viele Menschen, die über einen längeren Zeitraum hinweg einen Angehörigen gepflegt hätten, fielen anschließend in ein Loch, „vielleicht kann man auch da jemanden rekrutieren.“ 

Uwe Schwarz brachte das derzeitige Dilemma auf den Punkt: „Wenn Pflege wenigstens mit einer Stimme sprechen würde. Aber die Anbieterseite steht im Wettbewerb, darüber lachen sich die Pflegekassen tot.“

 

Quelle: Walsroder Zeitung vom 05.10.2017, Bericht und Foto: Dirk Meyland

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