„Viele rufen lieber gleich die 112“

Arbeitskreis der SPD-Landtagsfraktion informiert sich bei Johanniter-Unfallhilfe über Probleme bei rettungsdienstlicher Versorgung

 Ausgetauscht: Johanniter-Dienststellenleiter Klaus Kramer (rechts), hier mit SPD-Landtagskandidat Sebastian Zinke, legte sprichwörtlich den Finger in die Wunde. mey
Ausgetauscht: Johanniter-Dienststellenleiter Klaus Kramer (rechts), hier mit SPD-Landtagskandidat Sebastian Zinke, legte sprichwörtlich den Finger in die Wunde. mey

SCHWARMSTEDT. Der Arbeitskreis Soziales der SPD-Landtagsfraktion hat am Dienstag eine Rundreise durch Schwarmstedt absolviert. Eine Station war die Rettungswache der Johanniter-Unfallhilfe. Dort informierten Dienststellenleiter Klaus Kramer und Schichtführer Rettungswache Jörg Papendorf über aktuelle Probleme. Hauptproblem, so Kramer, sei, dass es eine hausärztliche Versorgung wie früher, bei der der Arzt des Vertrauens rund um die Uhr für Patienten da gewesen sei, heute kaum mehr gebe. Die Folge sei, so SPD-Landtagskandidat Sebastian Zinke, „eine offensichtliche Verlagerung vom Hausarzt zum Krankenhaus“. Allein zwischen 2013 und 2016 seien die Fallzahlen für ambulante Behandlungen im Heidekreis-Klinikum (HKK) von 8893 auf 14.562 angestiegen – ein Plus von 45 Prozent. Und im ersten Halbjahr 2017 seien die Fallzahlen gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 22 Prozent gestiegen. Zinke, auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des HKK, erläuterte, dass neben Problemen bei der Abrechnung die Unzufriedenheit von Patienten steige, weil die Wartezeiten zunehmend länger würden. 

Zum Teil sei das darauf zurückzuführen, so Kramer, dass Patienten die Notaufnahme mit Krankheitsbildern blockierten, die klassischerweise nicht für die Notaufnahme gedacht seien: „Wenn beim Anruf in der Leitstelle das Stichwort Atemnot fällt, sind wir verpflichtet, hinzufahren, auch wenn sie sich dann als nicht lebensbedrohliche Bronchitis herausstellt. Oft werden durch Bagatellen Rettungsmittel gebunden.“ Das sei ärgerlich, weil nur hauptamtliche Besatzungen für zwei Rettungswagen (RTW) bei den Johannitern, die die rettungsdienstliche Versorgung im Aller-Leine- Tal sicherstellen, zur Verfügung ständen. Seien die RTW unterwegs, müsse ehrenamtlich nachbesetzt werden. 

Uwe Schwarz, Vorsitzender SPD-Arbeitskreis Soziales, stellte klar, dass die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) die „Explosion von Patienten in Notaufnahmen“ selbst mit ausgelöst habe. Sie habe dafür gesorgt, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst anonymisiert worden sei: „Heute wissen Sie beim Anruf über die zentrale Nummer nicht mehr, wer dahinter steht. „Deshalb rufen viele gleich die 112.“ 

Kramer führte als weiteres Problem die Praxis von Krankenhäusern auf, sich abzumelden und dadurch anzuzeigen, nicht für die Aufnahme weiterer Patienten zur Verfügung zu stehen, sei es wegen Überbelegung, Personalmangels oder Sonstigem. „Dabei kann sich ein Krankenhaus eigentlich nicht abmelden“, kritisierte er, „eine Erstversorgung von kritischen Patienten muss immer stattfinden.“ Zudem werde vonseiten des HKK-Geschäftsführers Dr. Christof Kugler Druck auf die Johanniter ausgeübt, weil sie angeblich das HKK zu selten anführen. Dabei müsse auch der Patientenwille berücksichtigt werden, so Papendorf, und von der Samtgemeinde Schwarmstedt aus lägen Krankenhäuser in Celle, Nienburg und der Region Hannover näher als beispielsweise das in Soltau. Zinke äußerte Verständnis für beide Seiten. Dr. Kugler erhalte eine Umrechnung der Verkehre zu Krankenhäusern in Case-Mix- Punkten und schließe daraus richtigerweise, dass aus Teilen des Aller-Leine-Tals vergleichsweise wenige Patienten ins HKK kämen. Gleichzeitig sei es für Patienten wie auch Rettungsdienste schwierig, die erfolgten Spezialisierungen an den Standorten Walsrode und Soltau „in die Köpfe“ zu bringen. Auch über Öffnungszeiten von Stationen werde nachgedacht. „Zum Oktober“, so Zinke, „wird das Linksherzkatheter- Labor in Soltau in einen 24-Stunden-Betrieb übergehen.“ 

Uwe Schwarz bezeichnete ein Projekt im Kreis Northeim als aussichtsreich. Dort habe mittlerweile die Leitstelle das sogenannte Dispositionsrecht übertragen bekommen und entscheide, ob bei einem vermeintlichen Notfall der Bereitschafts- oder Rettungsdienst ausrücke. Das habe zu einer „Riesenentlastung“ geführt, weil deutlich seltener wegen Bagatellen angerufen werde, „auch wenn man das Krankheitsbild letztlich erst vor Ort erkennt“.

 

 

Quelle: Walsroder Zeitung vom 28.09.2017, Bericht und Foto: Dirk Meyland

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